Clemens Jürgenmeyer

Clemens Jürgenmeyer studierte Indologie sowie Politikwissenschaft, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arnold-Bergstraesser-Institut und Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg. Er befasst sich seit über 40 Jahren mit Fragen zur Politik und Gesellschaft Indiens, insbesondere zum Wählerverhalten und zum Hindunationalismus.

 

 

Vortragsbeschreibung

 

Sowohl Indien als auch der Westen befinden sich in einer dynamischen Interaktion, die auf beiden Seiten Veränderungen hervorbringt. Das Eigene und das Fremde befinden sich in einem dauernden Austausch, allerdings in einem Umfeld ungleicher Machtverhältnisse. Die politische, wirtschaftliche und ideologische Hegemonie des Westens liegt auf der Hand und wird durchaus von den tonangebenden Gruppen in Indien selbst gestützt. Diese Verwobenheit des Kontakts erlaubt es allerdings nicht, Indien als reines Objekt einer von außen auferlegten Modernisierung oder Westernisierung zu sehen, wo die Moderne auf eine traditionelle Gesellschaft und Kultur treffe, die diesem Ansturm kaum etwas entgegen zu setzen habe. Die indische Gesellschaft in all ihrer Vielfalt und Größe setzt sich durchaus eigenständig und produktiv mit dieser Herausforderung auseinander. Dies führt oft zu originellen Antworten individueller und kollektiver Natur, die gerade für westliche Betrachter ungewohnt, oft geradezu verstörend wirken, weil sie sich gängigen, eurozentrischen Vorstellungen von Entwicklung, Modernität und Rationalität entziehen. In der Hybridität dieser Auseinandersetzung zwischen Eigenem und Fremden liegt somit die Chance, eine eigene Identität, also das Verständnis von sich selbst, in einem permanenten Prozess der Selektion und Aneignung herauszubilden – und zwar als Subjekte und nicht als reine Objekte. Indien kann auf eine Jahrtausende währende Tradition der produktiven Auseinandersetzung mit fremden Mächten und Kulturen verweisen. Die heutige Situation in Indien ist also keineswegs neu oder besonders bedrohlich, sondern spiegelt durchaus etwas Alltägliches, schon immer Vorhandenes wider.